02-Das Alte Haus von Rocky Tocky

Teufelslustgärtchen 18

 

 

Es handelte sich um ein altes gelbes Lehmhaus mitten in Gießen - es blieb von den Bomben und dem Feuersturm Dezember 1944 verschont

Das Haus stand übrigens an der Stelle (zumindest ganz in der Nähe) vom jetzigen (jetzt, 2013 auch schon nicht mehr) Kaufhaus Horten. - Das Bild selbst hat eine etwas schwierige Geschichte hinter sich. Ein ursprüngliches Foto stammte von der Hausbesitzerin, Frau Hess, die noch in Kontakt stand mit einer ehemaligen Hausbewohnerin. Frau Hess schenkte also einen Abzug des  letzten (wenn auch hoffentlich nicht einzigen) Fotos vom Haus der ehemaligen Hausbewohnerin. Das Haus stand auf diesem Foto kurz vor dem Abbruch (ca. 1966). Jene Frau hatte eine Tochter, die an dem alten Lehmhaus hing (wie so manche andere seiner ehemaligen Bewohner auch). Dieselbe hatte nach dem Tod ihrer Mutter dieses Foto sozusagen geerbt. Deren Tochter lebt seit etlichen Jahren in  den USA, hat aber ein immenses historisches Interesse, speziell auch an Giessen, und ganz speziell am Teufelslustgärtchen, in dem ja ihre Mutter aufwuchs. Jene junge Deutsch-Amerikanerin hatte aber lediglich eine Kopierer-Kopie von dem Foto. Davon schickte sie mir vor einiger Zeit (2007) eine digitale Scanner-Kopie per Email. Das Bild war voller Streifen und total unansehnlich, da einem  ja aus dem leergeräumten Haus nur noch leere, schwarze Fenster wie aus Totenaugen anstarrten. Ich habe diesem Bild, das immerhin noch die Struktur des Hauses einigermaßen klar darstellte,  hier nun wieder Leben einzuhauchen versucht. Ich hoffe, es ist mir einigermaßen gelungen! Im übrigen möchte ich der eben erwähnten Deutsch-Amerikanerin für jenes Bild an dieser Stelle hier noch einmal ausdrücklich danken! Ohne das Bild hätte es diese relativ ausführliche nachträgliche Reportage von mir zu dem Alten Haus von Rocky Tocky sehr wahrscheinlich niemals gegeben. Das Bild -  nachdem ich es entsprechend bearbeitete -  war eine enorme Inspiration für die folgende Darstellung einiger meiner Erinnerungen an das Haus und seine Bewohner, deren Namen hier meistenteils geändert wurden.

Im Folgenden möchte ich ein bißchen von dem Haus erzählen, so wie ich es in den 50er Jahren erlebt habe

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Ich fange unten, im Parterre an. Man sieht rechts hinten den Haus-Eingang, der Tag und Nacht offen stand. Ich weiß noch nicht einmal ob es überhaupt eine Tür gab. Es empfing einem sofort ein ganz besonderer Geruch, den ich nur von diesem Haus kenne. Die Grundlage des Geruches war Muffel+Muffel+Muffel, der Rest ist nicht beschreibbar: und es gab noch genug Rest!

 

ch gehe jetzt mal in den Keller, zu dem es links vom Hauseingang runtergeht. Dann findet sich dort unten ein Labyrinth von Gängen mit etlichen kleinen Verschlägen. In dem Keller kann man natürlich nur sehr gebückt gehen, was besonders unangenehm ist, wenn man Kohleeimer schleppen muß. Genau das war für mich der Fall, denn wir hatten unsere Briketts dort gelagert. Natürlich ganz hinten im allerletzten Verschlag. Gewöhnlich benutzte man eine Kerze. Meine Lieblingsbeschäftigung war erst mal, mit der Kerze die dichten Spinnegewebe abzufackeln. Das hat bestimmt auch zu dem Hausgeruch mit beigetragen.

Nachdem wir also den Keller besichtigt haben, gehen wir erst mal wieder raus auf den großen Platz vorm Haus, um frische Luft zu schnappen.

 

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nd was sehen wir dann gleich links? Aha, einen Wohnwagen mit platten Reifen. Ich kann auch erzählen, wie es zu den platten Reifen kam. Allerdings ist das eine etwas längere Geschichte. -  Der Wohnwagen gehörte dem alten Mühl. Der hatte ein Kiosk in der Neuen Bäue und zwei Söhne und eine schwarzhaarige zarte, schlanke Frau. Mit den Söhnen hatte ich eine Zeitlang zu tun. Das waren richtige Tausendsassas mit verblüffend vielen Fähigkeiten. Der eine davon ist ja später dann auch ein bekannter Zauber-Künstler geworden. Als mal die Polizei auftauchte, nachdem wir harmloserweise einen hohen Eisen-Zaun überkletterten und dann in dem aufgeräumten Trümmergrundstück rumstromerten, war Emil (der spätere Zauber-Künstler) nicht faul und haute respektloserweise einfach ab. Er konnte dabei klettern, springen und rennen wie ein Eichhörnchen. Sein Bruder Otto kommentierte das laut und deutlich vor den beiden grün uniformiertern Beamten: den kriegen die sowieso nicht. Auch ins Lichtspielhaus verschafften sie sich Zutritt: der kleinere Otto wurde von dem größeren Emil durch das Klofenster gehievt. Otto schlich sich zur großen Ausgangs-Tür (hinter einem Vorhang), wo nachher die Zuschauer rausgelassen wurden, und machte dieselbe leise für uns auf - und wir schlichen uns dann nach und nach rein. Das wars dann. Allerdings ging das nicht lange gut. Wir konnten den Film (“Im Banne der Roten Hexe”) nur zweimal sehen (ohne den Anfang), dann waren sie uns auf die Schliche gekommen.

Otto und Emil hatten einen schweren Regatt vor ihrem Vater, der ihnen drohte, sie ins Erziehungsheim zu stecken (was in den 50er Jahren die schlimmste Drohung überhaupt war!). Ich weiß noch, wie wir in den Trümmern auf der anderen Straßenseite von ihrem Kiosk in der abendlichen Dunkelheit lagen und belauerten das Kiosk und sie klagten mir ihr Schicksal mit dem Alten. Sie trauten sich einfach nicht rüber! - Nun gut, die Jahre gingen ins Land, wir hatten nur noch sehr sporadisch miteinander zu tun, das Kiosk mußte weg von dem Platz (es wurde ja überall fanatisch gebaut), die beiden Brüder waren rangewachsen zu zwei hübschen, gewitzten, schwarzhaarigen Kerlen. So. das also ist die Vorgeschichte. -  Eines schönen Tages baute jemand einen Wohnwagen auf dem freien Gelände mit kleinen Schuttbergen seitlich am Alten Haus von Rocky Tocky auf - von einem unserer Fenster, das in diese Löwengassen-Richtung rausging, konnte ich das alles wunderbar beobachten - wie in einem Theater. Ich hatte den Logenplatz, wie sonst kaum keiner. Und wer war das in dem Wohnwagen? Es war der alte Mühl - der eine Geliebte hatte, mit der er in dem Wohnwagen als Liebeslaube fürderhin zu leben gedachte. Allerdings hatte er die Rechnung ohne seine zwei Söhne gemacht. Die konnten nun genüßlich Rache nehmen an dem Alten, weil derselbe ja ihre schwarzhaarige zarte Mutter im Stich gelassen hatte. Die Söhne tauchten also eines trüben Sonntags Morgens auf (ich konnte alles mitkriegen von oben) und man hörte ein Gerumpel und Gepumbel aus dem Wohnwagen und die Stimme vom alten Mühl: “Ihr Leut, helft mir doch ihr Leut!” Da war aber niemand, der ihm half. Das war Morgens. Die räumten also anschließend nach dem Überfall ihren Wohnwagen wieder auf. Doch ein paar Stunden später kamen die Söhne wieder - es kann gut sein, aber  ich weiß es nicht mehr genau, daß sie das Mobiliar über die Schuttberge verstreuten, jedenfalls stachen sie ihm mit einem langen Messer die Reifen des Wohnwagens platt. - Das also ist die Geschichte von den platten Reifen des Wohnwagens. - Es gibt noch eine Nachgeschichte. Der alte Mühl hat noch viele Jahre mit seinem Wohnwagen auf dem Trümmergrundstück gehaust, da waren wir (Ende 1959) schon längst aus dem Teufelslustgärtchen ausgezogen. Ich weiß noch - es war so 1963 oder 1964 - wie ich durch die Löwengasse ging und an dem Zaun zu dem Trümmergrundstück hingen zwei Schilder. Auf dem einen wollte er 10 Pfennig Spende, dafür daß die Leute seine Tiere sehen durften - ich weiß nicht was alles, weiße Mäuse, kleine Affen und dergl. Auf dem anderen Schild stand geschrieben: “Vorsicht Tiern beise”. - Peter Kurzeck, dem ich die Geschichte mal während unserer Freundschaftsjahre in Staufenberg erzählte, hat sie in einen seiner Romane sehr schön und phantasievoll hinein verarbeitet. Dort taucht der alte Mühl allerdings unter einem anderen (falschen) Namen auf.

 

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Wo wir jetzt schon mal hier bei dem Wohnwagen sind, gehen wir ein Stück weiter über den Trümmerhaufen hinten rechts um die Ecke des alten Lehmhauses.

er Besucher ist überrascht, denn hier hat sich Frau Reichenauer aus der Parterrewohnung eine adrette Ecke mit Blumenstöcken in den Trümmern liebevoll eingerichtet - ein richtiges kleines Idyll. Sie hat dort ihr Küchenfenster rausgehen, darunter Blumenkästen mit schönen Pflanzen. Das Küchenfenster geht jetzt auf, und Frau Reichenauer ist ziemlich aufgeregt, weil ihr ständig jemand was von ihren wertvollen Blumenstöcken weg klaut. Die Sache ist weitgehend klar, hat sie doch schon zweimal den (oder zumindest einen) Missetäter erwischt. Es ist der alte Ludwig Lauer aus der Wohnung 2 Etagen über ihr. Das ist im Prinzip ein netter, freundlicher und gutmütiger Mann, der eigentlich niemanden ernsthaft was antun kann. Doch hat er eine große Leidenschaft: das Flaschenbier. Da jedoch andererseits zu seinen sonstigen Leidenschaften gerade eben nicht das Arbeiten gehört - was bleibt ihm anderes übrig? Alles Geklaute rechnet er in Flaschenbiereinheiten um: pro Flasche am Kiosk 60 Pfennig. Seine Leidenschaft treibt ihn sogar im Mai in den Wald, um Maiglöckchen zu sammeln. Pro Bund möchte er dann 60 Pfennig. Bei uns am Wurstbudchen, wo wir ja auch Getränke verkaufen, ist er guter Kunde, daher weiß ich das. Ludwig Lauer mit Maiglöckchen - ich faß es ja nicht! Der alte braungeräucherte Säufer, der sich jeden Morgen die Raucherlunge aus dem Hals kotzt, wenn er im mittleren der drei linken Fenster im zweiten Stock am offenen Fenster hängt und raucht, und dann nach jedem Hustenanfall laut und ausgiebig aus der geteerten Lunge hochholend, seine schwarz-grünen Rotzkäulchen runter auf den großen Platz vor das Haus setzt. - Seine Leidenschaft hatte ihn schon damals öfters kurzzeitig hinter Gitter gebracht. Später, in den 60er Jahren, konnte man allerdings alle paar Jahre einen Zeitungsartikel in der Lokalpresse lesen, wo sie den “bekannten L.L.” mal wieder für 2 Jahre verknackten, wobei ihm dann, als Wiederholungstäter, eine ganze Latte weiterer (kleiner) Diebstahlsdelikte von dem jeweiligen Richter angekreidet wurden. - Wir verabschieden uns jetzt von Frau Reichenauer, nachdem wir noch laut ihr kleines Idyll bewunderten. Sie wohnt hier ganz unten im Parterre mit ihrer Familie (hinter den drei linken Fenstern), d.h. mit ihrem Mann und drei Kindern. 2 Mädchen, Marga und Heidi, ungefähr in meinem Alter, und Diedrich der schon ältere, gesetzte und ernsthafte Sohn.

So, wir gehn jetzt wieder zurück.

 

Heute ist auf dem Platz vor dem Haus nicht viel los.

ediglich ein Lehrling aus Staufenberg kommt da drüben vorbeigehastet und schaut neugierig in unsere Richtung. Sonst kommt hier auch noch gerne mal Manfred Wigratz mit seiner wundschönen blauen “Vicky” angeknattert (er wohnt eigentlich in der Lonystraße-Ecke Bleichstraße an der Wieseck in einem Bürgerhaus) und dreht ein-zwei Runden, bleibt gerne auch mal bei einer herumstehenden Gruppe halten, wenn’s was Interessantes gibt. Oder irgendwelche Jungen tauschen “Amihefte” (Comics) und Mädchen machen anmutig und geschickt “Hula-Hup” mit ihren Reifen oder heckseln auf ihren Strichquadraten herum. Ja, da gibt’s immer einen Grund, sich zu treffen.

 

anz selten kommt auch mal die Waldeslust mit ihrem berühmten Karton hinten auf dem Fahrrad-Gepäckträger vorbei. Sie schob eigentlich mehr das Fahrrad, als daß sie es fuhr. Sie kennt mich gut - und zwar von Geburt an, denn ihr Sohn “Gintr” erblickte im gleichen Krankenhauszimmer am gleichen Tag das Licht der Welt, wie ich. Aber meine lange Bekanntschaft mit ihr ist eine Geschichte für sich. (Es gab mal in den 70er Jahren das Gerücht, die Waldeslust wäre vom Lastauto überfahren worden, und in ihrem Karton wären 25.000 DM gewesen! - Das ging mir wirklich nahe. Das tat mir echt weh. Gottseidank sah ich sie dann ein paar Tage später - wie immer mit ihrem Fahrrad und dem Karton hintendrauf - bei ihrer Lieblingsbeschäftigung, sich mit Leuten im Seltersweg beim Tschibo anzulegen, die hinter ihr herlachten (oder ganz schlimm: das Waldeslustlied zu singen). Dabei hatte sie immer ihren Fahrradlenker feste in den beiden Händen.)

Doch nun biegen wir wieder ab zum Hauseingang.

 

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ch gehe jedoch geradeaus in die Chabeso-Flaschenabfüll-Anlage. Sie ist dort rechts vom Haus, wo der Mann mit dem weißen Hemd steht, in dem Raum unterhalb des Glasdaches. Die eigentliche Flaschenabfüllanlage zieht sich hinter dem gelben Lehm-Haus entlang, hier vorne ist hauptsächlich der Lagerraum für die vollen und leeren Kisten. Ich muß noch dem Chef Bescheid sagen, daß wir im Wurstbudchen zwei neue Kisten Chabeso-Limonade und eine Kiste Chabeso-Cola brauchen, weil unser Vorrat so langsam aufgebraucht ist. - Drinnen ist einiges an Krach, es werden in einer langen ratternden Kette Flaschen abgefüllt und andere leere Flaschen in irgendwelchen großen Bottichen gespült. Die Frau Heinrich vom 1. Stock hilft auch mit und die Hausbesitzerin, Frau Hess (die übrigens nicht hier im Haus wohnt), ist ebenfalls geschäftig mit von der Party. Es müssen ja schließlich nach dem Abfüllen noch Ettiketten und Kronkorken auf die Flaschen und um die Reinigungsbottiche muß sich auch jemand kümmern, neue Flaschen müssen aufs Band und das ratternde Drehwerk, das die klirrenden, scheppernden Flaschen transportiert, muß ab- und zu gewartet werden. Über all diesem Getriebe regiert im lauten preußischen Militärton der Chef. Alle fühlen sich offenbar pudelwohl hier - und zwischendurch philosophiert der Chef sogar auch mal laut mit seiner Panzerfahrerstimme: “Der Sozialismus ist nix für die Deutschen. Das paßt nicht zu den Deutschen. Jaa, bei den Russen, das ist was anderes. Zu denen paßt der Sozialismus!” Und weiter geht das laute, klappernde Getriebe der Flaschenabfüllerei. Als ich dann rausgehe, kommt gerade sein Fahrer mit dem dreirädrigen kleinen Lastauto auf den Hof gefahren mit leeren Kisten hinten drauf. Er braucht Nachschub für die nächste Runde. Wir begrüßen uns freundlich - wir kennen uns natürlich vom Wurstbudchen. Und er mag mich auch, denn manchmal nimmt er mich mit auf eine seiner Touren durch Stadt & Land als Beifahrer. Ich schätze mal, er und sein Chef kennen sich schon vom Krieg her.

 

 

Das verschlossene Tor zur Chabeso-Abfüll-Anlage - links der (immer offene) Hauseingang zum Alten Haus von Rocky Tocky

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(Das Foto wurde mir mit freundlicher Genehmigung von Silvia Leinberger zur Verfügung gestellt; rechts sieht man ihre Mutter)

 

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un hab ich ein Problem, denn ich stehe jetzt direkt vor dem Fenster von der alten Frau Rosinke, links vom Hauseingang. Und sie fängt mich dort gerne ab, wenn ich hier vorbeikomme. Kaum gedacht, geht auch schon das Fenster quietschend auf und man hört ihre alte Krächzstimme. Hinter ihr aus ihren Räumen, und von ihr selber, kommt ein Schwall von Geruch. Die alte Rosinke ist berüchtigt dafür, daß bei ihr alles vor Dreck starrt. Aber sie hatte ja nicht mal Wasser in ihrer Wohnung - fällt mir jetzt ein. Wo hat sie eigentlich ihr Wasser hergekriegt? Eimerweise von Reichenauers nebenan oder wie? - Ich hatte damals als Halbwüchsiger zwischen 10 und 15 wenig Verständnis für das, was sie für ein Problem mit mir hatte: “Du erinnerst mich an meinen Hainer, Du siehst genauso aus wie er. Den ham sie mir im Krieg weggenommen” und dann liefen ihr die Tränen über die alten grauen runzeligen Backen. Und sie betätschelte mich dann mit ihrer alten Gichthand.

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oeben hab ich ja schon erwähnt, daß Frau Rosinke kein Wasser in ihrer Wohnung hatte. Woher weiß ich das? Ganz einfach, weil ich weiß, daß es in dem Haus überhaupt nur 2 Wasserleitungen gab. Die eine führte ziemlich weit hinten in der Ecke des Hauses (dort, wo Frau Reichenauer ihre Küche hatte) nach oben. Also genau diametral gegenüber zur Wohnung von Frau Rosinke gelegen. Die andere führte durch die Toiletten rechts vom Treppenhaus nach oben - Letztere funktionierte aber sowieso nicht, sodaß die Leute mit einem Wassereimer zur Toilette gingen (oder mit ihrem Pißeimer) und anschließend nachschütteten, um somit eine Art Spülung zu erzeugen, was natürlich nicht immer klappte, insbesondere, wenn das Klo im Winter eingefroren war oder auch sonst öfters mal verstopft war. - Da hat bestimmt so mancher geneigte Leser schon erkannt, daß jeweils eine Toilette, in jedem Treppenaufgang zum nächsten Stock, für alle Mieter jeweils einer Etage (der unteren) bestimmt war. Genau so war’s. Wir gehn jetzt also das Treppenhaus hoch und in der Mitte der ersten Treppe (also die zum ersten Stock hoch) befindet sich das erste Klo. Es ist eigentlich ein gutes Klo. Es ist zumindest gut gemeint. Es hat ein relativ großes Fenster (bei uns ganz oben kann man durch das Fenster Gleiberg, Vetzberg und Dünsberg sehen - das ganze Ensemble, hier unten nur ein Stück Trümmer-Ruine), und das Klosettbecken und der riesige Spülkasten oben an der Decke sind aus hübsch verschnörkeltem Gußeisen. Auch ist das Klo ziemlich geräumig. Da kann man eigentlich nicht meckern. Ob jetzt die hölzerne Klobrille wirklich noch drauf ist, ist höchstwahrscheinlich Glückssache, wenn nicht, muß man auf dem dünnen kalten Eisenrand sitzen, den man sich im Winter am Besten mit Pappe oder Zeitungspapier abpolstern sollte, damit man nicht festfriert. (Das hat offenbar Frau Saal vom 3. Stock mal falsch aufgefaßt, als sie laut durch’s ganze Haus schrie: “Der putzt sich ja den Aasch mit Pappe ab!” - womit ich gemeint war). - Gut, wir gehn jetzt weiter die Treppe ein kleines Stück weiter hoch und sehen geradeaus vor uns einen Einbauschrank. - Sehr praktisch, da kann sich so mancher (privilegierte) Mieter den Weg in das Kellerlabyrinth sparen und hier seine Kartoffeln und/oder Briketts unterstellen. In dieser letzten Kurve nach oben bis zum Treppenabsatz entsteht jetzt eine ziemlich große Nische - des Schrankes wegen - in welcher bequem jemand stehen kann (ein Verbrecher natürlich). Das ist ja tagsüber kein Problem, das Treppenhaus hat genügend Licht, da auf jedem Treppenabsatz ein großes Fenster Richtung Kaplansgasse ist. Nachts herrscht aber in dem Treppenhaus so gut wie vollkommene Finsternis. Und vor jenen ganz besonders finsteren Nischen kann einem schon das kalte Grausen ankommen. Natürlich könnte da jemand drin stehen, der einen überfallen will, besonders wenn er weiß, daß man Geld dabei hat, ganz besonders, wenn er weiß daß man viel Geld dabei hat, z.B. die Tageseinnahmen vom Wurstbudchen. Ich jedenfalls habe prophylaktischerweise immer in jede dieser besonders finsteren Nischen reingeboxt. Die arme Frau Göbel hat’s jedoch erwischt (sie wohnt im ersten Stock - wir gehn gleich zu ihr). Jemand hat aus jener Nische heraus mit einem Knüppel auf sie drauf gehauen (behauptet sie jedenfalls). Kann natürlich sein, daß auch für jenen Finsterling die Dunkelheit das Verhängnis war, und er hat sie verwechselt, beispielsweise mit der Frau Aulbach. Denn von der armen Frau Göbel war nun wirklich nix zu holen! Und daß sie jemand beleidigt haben könnte, der es ihr nun heimzahlen wollte, halte ich persönlich für völlig ausgeschlossen.

 

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rau Göbel liebte es, nach Einbruch der Dunkelheit an ihrem offenen Küchenfenster zu sitzen (linkes Fenster im 1.Stock) und auf den großen Platz vor dem Alten Lehmhaus zu schauen. Dabei kratzte sie sich gerne grüblerisch die rechte Wange. Was hat sie wohl so nachgedacht? Über ihren in Rußland gefallenen (oder vermißten) Mann, der früher, vorm Krieg, bei der Feuerwehr in Gießen beschäftigt war? Über die weitgehend verlorengegangene Welt ihrer Kindheit und Jugend durch die Bombenhagel vom Dezember 1944 mit seinem am 6.Dezember die Innenstadt verheerenden Feuersturm?  Über die vielfältigen Gassen, Winkel, Ecken, Durchgänge, Höfe und Gärten, alten Häuser und Häuschen - die nun weitgehend verschwunden waren? (Vgl. Vorkriegsplan). Über den Zusammenbruch eines ganzen kleinen Universums, in welchem sie früher zu Hause war, mitsamt etlichen Wohnungen ihrer Verwandtschaft & Bekanntschaft und tausenderlei sonstigen Verästelungen des Gießener Volkes der Innenstadt?

Von ihrem geliebten Mann hatte sie noch ihren Sohn Dietmar übrig. Dietmar Göbel und ich waren sehr häufig zusammen. Da Dietmar Göbel ein halbwegs weltoffener junger Mensch war, hatte er auch sonst viele weitere Jugendliche in seinem Dunstkreis, die mit ihm zu tun hatten. Er war beispielsweise ein sehr guter Schwimmer, Taucher und Springer (wie relativ viele von uns Jugendlichen im Eck und drum herum -  Johnny Weißmüller-Tarzan war unser geliebtes Vorbild).

Natürlich war er immer mit im Volksbad und im Sommer an der Lahn im Gießener Freibad (das kostenlos war). Selbstverständlich war er auch immer mit im Lichtspielhaus (ganz in der Nähe vom Teufelslustgärtchen, in der Bahnhofstraße). Er wurde sogar an besonders spannenden Stellen eines Cowboyfilms manchmal bedroht. Da er ja alle Filme schon 2-3 mal gesehen hatte (er war der absolute Film-Fan) wurde er in die Seite geknufft (es war ein nachmittäglich leeres Kino, nur die ersten drei Reihen der 50 Pfennig-Rasierloge waren mit Jugendlichen besetzt, und es hieß: “Göbel, sag endlich, wie’s weiter geht, sonst wirste gekurt”. ‘Gekurt’ war Manisch. ‘Kuren’ hieß Hauen, Schlagen. - In Gießen (hauptsächlich auf der Gummi-Insel, aber auch im Teufelslustgärtchen) gab es einen inneren Kreis von mehr oder weniger gut Manisch-Sprechenden im Volk. Das Manisch war eine verdeutschte Form von Zigeunersprache. “Manusch” heißt in der Zigeunersprache ‘Mensch’ - wir sprachen also ein bißchen die Menschensprache. ‘Tschugge Pani’ das hieß: so ein schönes Wässerchen (zum Schwimmen heute). ‘Tschugge Mosje’ war ein schönes Mädchen. ‘Digge mal den dinneliche Gaatsch von der Moss’ (‘Gaatsch’ abgeleitet vom spanischen Gaucho): Schau mal den bekloppten Mann (Liebhaber) von der Frau. Usw.

Frau Göbel war arm wie eine Kirchenmaus. Ihre Kriegerwitwenrente war äußerst karg bemessen. Woher hatte Dietmar das Geld für seine diversen Leidenschaften - z.B. neben dem Kinogehen und dem Volksbad noch das Kartenspiel, ab und zu Biersaufen usw.? Da gab’s zu der Zeit eine einmalig günstige Einnahmequelle für Jung und Alt: nämlich das Eisensammeln in den Trümmern. Eisensammeln war der übergeordnete Ausdruck. Gemeint war eigentlich Metallsammeln, denn das Eisen selber wurde vom Eisen-Schmidt relativ gering bezahlt: 10 Pfennig das Kilo. Geld brachte erst das Kupfer: 1,50 das Kilo, das Messing oder das Blei, Zinn und Zink. In den Trümmern (beispielsweise in den “Sieben Gebirgen” an der Marktstraße  herrschte in den 50iger Jahren Eisengräberstimmung. Ich selber gehörte auch manchmal zu den Schuttreusern. Göbel ernährte also sich und seine Mutter vom Eisensammeln. Er konnte jederzeit in’s geliebte Volksbad (die Schwimmhalle natürlich) oder sich alle aktuellen Filme, wie oft auch immer, reinziehen - sofern sie nicht mit kaum erkennbaren halbnackten Szenen einem ganz strengen “Jugendverbot” unterlagen. Manches Mal fuhren wir noch extra nach Wetzlar, weil es dort auch noch (weitere) 3 Kinos gab. Da mußte er natürlich in alle drei hintereinander rein. Ich mit. Ich krieg heute noch etwas Kopfweh davon, da ich selber nicht soo der Filmfanatiker war wie Dietmar Göbel.

Bei Göbels war Abends öfter so ein kleiner Spielsalon, wenn Dietmar und noch ein paar seiner engeren Trabanten (zu denen regelmäßig ich gehörte) abends in der kleinen Küche waren und dann die Spielkarten mischten. Der Frau Göbel mußte ein Obulus von 20 oder 30 Pfennig entrichtet werden, da sie herumbibberte wegen der hohen Lichtrechnung, wenn wir ständig ihre, von der Decke herabhängende, 25-Watt-Glühbirne über dem Küchentisch, anhatten. - Die 2-Zimmer-Wohnung (kleine Küche und 1 größerer Raum) war ziemlich karg eingerichtet. Der einzige wirkliche Luxus war ein großes 50er Jahre-Radio (mit magischem Auge) oben auf dem Schrank in der Küche. Kurioserweise mußten unbedingt abends um 8 die Nachrichten samt anschließendem 5-Minuten-Kommentar (von Dolf Sternberger) gehört werden! Das wurde von Göbels mit ihrem neuen baßtönenden Radio feierlich zelebriert wie ein Gottesdienst.

Wir spielten mit Ami-Spielkarten Poker und 17&4. Mit deutschen Spielkarten Skat. Natürlich alles mit echtem Geld. Der höchste Pott beim Pokern lag einmal bei 35 Mark. Da kamen wir alle schwer ins Schwitzen, denn das war für uns Jugendliche damals verdammt viel Lowi (vergleiche das Buch “Tschü lowi” = kein Geld). Bei besonderen Anlässen, z.B. Sonntags, spielten wir auch mal Monopoly im Wohn-und gleichzeitig-Schlafzimmer von Göbels. (Das zweite und dritte Fenster von links im ersten Stock). Das war mein Spiel. Da hatte ich zum Schluß meistens die guten Straßen (Schloßallee sowieso), die besten Hotels, viel bares Geld und konnte fett & ölig lachen, wenn die anderen deprimiert Kredite bei mir aufnehmen mußten.

 

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inen Stock höher, über Göbels und unter uns, wohnten Lauers. Vom alten Säufer Ludwig Lauer habe ich ja oben schon erzählt. Seine Frau verdiente das Geld für die Familie als Garderobiere oder Kartenkontrolletti im Gießener Stadttheater. Man sah sie regelmäßig abends um 7 aus dem Alten Haus von Rocky Tocky verschwinden, sonst war sie eine sehr unauffällige Frau. Vielleicht hat ihr das Theaterleben gereicht. Sicher konnte sie ja bei ihrem warmen gemütlichen Job, bei dem man auch gerne mal sein Strickzeug auspackte, einiges vom Theatergeschehen mitbekommen: den Opern- und Operettengesang, das theatralische Aufschreien der Schauspieler in ihren Dramen, Märchen und Luststücken. Die Musik der Sinfonien, wenn sie besonders laut wurde. Vom Ballett wird sie wohl weniger mitbekommen haben. Dafür aber von den Zuschauern, vor allem während der Pausen.

Außerdem gab es zwei schon ältere Söhne. Da war der Ludwig Lauer, der nach seinem Vater benannt war und tatsächlich auch einige Alkoholikergene vom Alten geerbt haben muß - sowie dessen Freundlichkeit und Umgänglichkeit. Dann gab es noch Helmut Lauer. Das war ein ganz besonderes Kaliber. Der hatte sich statt auf’s Saufen aufs Boxen spezialisiert und sah äußerst smart aus mit seinem Oberlippenbärtchen. Mein früherer Freund Peter Kurzeck kannte ihn wohl ebenfalls. Ich denke, von der Express-Halle in der Frankfurter Straße her; eine Kneipe, wo sich Amis und Deutsche mischten. Oder vielleicht noch wahrscheinlicher aus Abrahams und Mischas Henninger Quick-Kneipe im Seltersweg (über letztere hat Peter Kurzeck meiner Ansicht nach ein echtes Stück Weltliteratur verfaßt; suche dazu ca. 20 Seiten gegen Ende seines Nußbaum-Buches). Helmut Lauer gehörte zur Poker-Szene der schon etwas älteren jungen Männer der Umgegend des Teufelslustgärtchens. Diese Szene befand sich hinter dem hohen Eckhaus in der Kaplansgasse bei den abgetragenen Trümmern. Da wurde tierisch ernst, rund um einen großen flachen Stein, um viel Geld gespielt - kann sein, sogar um echte grüne Dollars und Silbermünzen der Amis. Das waren schon richtige erwachsene Männer, die auf uns Halbwüchsige verächtlich herabschauten. Sie konnten, wenn es wirklich anlag, auch richtig arbeiten und so ihre Kenntnisse von den diversen Baustellen, wo sie ab und zu mal kurzzeitig beschäftigt waren, anwenden. So z.B. gruben Ludwig und Helmut Lauer, mit vielleicht noch ein paar weiteren Kumpels, vollkommen professionell die alten Lehmtrümmerhäuser um. (Bei der Ecke, wo später der Schreinermeister Ruch seine Baracke hatte - siehe Plan). Sie förderten dabei etliche Eisenträger zutage, die sie zu gutem Geld machen konnten.

 

elmut Lauer war es auch, dem ich meinen Spitznamen im Teufelslustgärtchen zu verdanken hatte: “Mozart”. Man kann das nicht verächtlich genug aussprechen! Manche wohlmeinende Leute versuchten mir später klar zu machen, daß ich doch stolz darauf sein sollte, Mozart wäre doch ein berühmter und beliebter Mann gewesen. - Das konnte mich auch nachträglich nicht überzeugen. Vielleicht war dieser Spitzname auch eine Anlehnung an das verächtliche manische “Hegel”. Der Satz: “Das ist ein Hegelo” war wirklich eine vernichtende Abstempelung als ein Halbirrer. - Wie kam es eigentlich zu diesem Spitznamen “Mozart”? -  Ganz analog  wie es Udo Lindenberg in seinen Panikpräsident-Memoiren berichtete, hatte ich wohl ebenfalls einen Sinn für Musik - d.h. speziell für aktives Trommeln. Wie Udo Lindenberg übte ich diesen meinen Musik-Enthusiasmus auf einem entsprechend lautstarken ‘Instrument’. Beim 10-jährigen Udo war es ein hohes Blechfaß (für Essig, Öl, Petroleum) von Edeka, bei mir war es unsere große Zink-Wanne, in der man Wäsche einweichen konnte. Mein Enthusiasmus für dieses Trommeln war jedoch eines schönen Sonntags Morgens störend für den einen Stock tiefer wohnenden Helmut Lauer. Er brüllte zwar verschiedentlich hoch, daß ich endlich Ruhe geben sollte, aber ich konnte mich leider nicht beherrschen. Schließlich kam er voller Wut hochgedampft in unsere Wohnung, und wie eine Erscheinung stand er plötzlich neben mir und meiner heißgeliebten Trommel. Setz hier irgendeine Drohung ein und anschließend als Krönung in tiefster inbrünstiger höhnischer Gehässigkeit: “Du Mozart!” (das M schon fast ein B). - Auf diese Weise wurde in Giessen das erste deutsche Trommel-Genie vor Lindenberg leider ganz schnell lautlos gestellt, während 6 Jahre später Udo Lindenberg (Jahrgang 1946, ich 1941) in Gronau zum anerkannten 12 jährigen “Trommel-Mozart” avancierte (Panikpräsident, S. 39-43).

Die kleine Petra Saal hatte es besonders gut raus, wenn ich irgendwo in der Nähe auftauchte, aus allen ungeahnten Winkeln des Teufelslustgärtchens fortan ihr “Mozart” in möglichst verächtlich machender Artikulation, erklingen zu lassen.

Von Helmut Lauer hieß es dann übrigens irgendwann viel später gerüchteweise, daß er in Frankfurt im Rotlichtmilieu des Bahnhofsviertels weitergekommen sei.

 

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on den 6 alleinstehenden Frauen des Hauses hatten 3 Kontakte mit Amis. Meine Mutter hatte die Amigeschichte schon hinter sich, nachdem sie ins Teufelslustgärtchen gezogen war. Von ihren Schwarzmarktgeschäften am Gießener Kugelberg mit den frommen Farbigen der Rivers Barracks (ehemalige Verdunkaserne) hatte sie sich schließlich das Wurstbudchen anschaffen können. Frau Göbel war irgendwie jenseits von Gut und Böse, und bei der alten Rosinke hätte bestimmt auch der letzte besoffene Ami nicht mit unter die Bettdecke kriechen mögen.

 

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anz oben rechts unter dem Dachgiebel, wo man die Blumen am Fenster sieht, wohnte Christa. Sie hatte dort ein lichtes kleines Zimmer mit einem herrlichen Ausblick über die Stadt. Das Zimmer hatte sie als Untermieterin von meiner Mutter für 25 Mark im Monat gemietet. Christa war eine hübsche junge Frau aus einem Dorf irgendwo in der Nähe von Lollar und hatte sich nun ein wunderschönes kleines Liebesnest eingerichtet, wo sie ihren Ami-Freund mit seinen braunen Papiertüten (voller amerikanischer Kostbarkeiten aus der PX) empfing.

 

Typische PX (gesprochen: Pi-Ex; ein Verkaufsladen für US-Army Angehörige)

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eiter unten, d.h. im dritten Stock rechts, wo das Fenster zum Platz eigenartigerweise zugemauert ist, wohnte Frau Saal mit ihrer Tochter Petra. Frau Saal kommt aus einer besseren Familie, war verheiratet und ausgebombt, bevor sie ins Teufelslustgärtchen kam. Ihre Tochter Petra ist wahrscheinlich Jahrgang 45-46, gezeugt von einem Amerikaner. Petra hat später, als sie erwachsen war, ihren Vater in Amerika besucht und somit noch eine neue Verwandtschaft dort erworben. Frau Saal hatte sich ihre Wohnung im Teufelslustgärtchen wie ein Puppenstübchen eingerichtet. Kann gut sein, daß sie auch ab- und zu Ami-Besuch hatte, da ich sie mal auf dem Klo unfreiwillig belauschte, wie sie mit Frau Engelhardt, die unter ihr wohnte, die mit Amis zu tun hatte, auf der Treppe zwischen 2. und 3. Stock entsprechend fachsimpelte.

 

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as Leben der Frau Engelhardt (im zweiten Stock ganz rechts direkt unter Frau Saal)  war für mich weitestgehend undurchsichtig - man muß ja schließlich auch nicht alles wissen. Ich weiß eigentlich jetzt nicht viel mehr, als daß sie an sich nett war. Hatte die Frau 3 Kinder von Amis? Hatte sie insgesamt 6 Kinder? Wohnte auch eine Enkelin (von einem Ami gezeugt?) in ihrer Wohnung? Jedenfalls hatten die Kinder - es waren alles Mädchen - ziemlich exotische Namen, die ich nicht mehr alle im Kopf habe. - Irgendwann, eines Sonntags Morgens, kam eine aufgeregte junge Frau aus der Nachbarschaft auf den großen Platz vor dem Haus und schrie in Richtung auf den 2. Stock hoch. Erst schrie sie einen weiblichen Namen und dann: “Du Drecksau hast mir de Bimbo weggenomme!” - und so ging das etliche Minuten weiter (vielleicht noch mit der Variation “Neecher” statt “Bimbo”). - Das war ja alles auch wie in einem Freilichttheater. Da wurde laut lamentiert und geschrieen, daß es jeder deutlich hören konnte, da wurde Federball gespielt und bis in die Nacht hinein geklönt, poussiert und Kofferradio gehört (sehr gerne auch mal AFN, wenn es dort Musik gab). Da wurde Samstag Abends gemeinsam von allen rund um den großen Platz mit laut gedrehten Radios und offenen Fenstern die “Familie Hesselbach” mit ihrem Frankfurter Gebabbel gehört. Morgens hörte man überall die ach so fröhliche Sendung “Der Frankfurter Wecker”: “Einen Morgen ohne Sorgen wünschen wir Euch allen Weit und Breit” tönte es überaus aufgeweckt aus dem Radio, während ich partout weiterschlafen wollte, weil ich mit der Schule sowieso in vielerlei Hinsicht auf Kriegsfuß stand. (“Wirunserunsuns,  Werwessenwemwen, Unsereuereucheuch”. Vgl auch: Vorurteile gegen mich).

 

a hat mir auch öfters mal die Frau Saal aus der Patsche geholfen. Denn verschiedentlich schwänzte ich die Schule, um z.B. in mein geliebtes Volksbad zu gehen (was allerdings eine ziemlich einsame Sache war, denn morgens war da noch nix los) oder in den Trümmern zu spielen (ich hatte sogar ein besonders gutes Versteck für meine Schultasche). Frau Saal konnte nämlich problemlos eine Entschuldigung schreiben (natürlich wegen Krankheit, was auch sonst), weil sie praktisch die gleiche Schrift wie meine Mutter hatte. Freundlicherweise fälschte sie die Entschuldigungen mitsamt der Unterschrift meiner Mutter anstandslos, ohne irgendwie noch herumzumäkeln.

 

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Blick von unserer Wohnung auf die Johanniskirche. So hatte man immer die Zeit im Blick. Hier ist es beispielsweise gerade halb 1

 

55-02-0017-Teufelslustgärtchen - Blick auf die Johanneskirche-HDR-B600

 

 

 

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m so langsam zum Abschluß zu kommen: es gibt insgesamt 3 Wohnungen, auf die ich noch nicht näher eingegangen bin. Das sind einmal wir selber (oben im 3. Stock die zwei linken Fenster), sodann die Wohnung im dritten Stock neben uns hinter dem dritten Fenster von links (Emma und Ed Nonnenthaler) und drittens noch die Wohnung im ersten Stock hinter dem Fenster ganz rechts.

 

ie letztere war also die Wohnung auf der gleichen Etage mit Göbels. Die Leute, die dort wohnten, hießen Heinrich. Wenn man zu Göbels ging, passierte man einen scheinbar völlig unnützen relativ großen und finsteren, quadratischen Flurraum, in dessen hinterer rechter Ecke die Wasserzapfstelle für die beiden Familien war. Ich frage mich heute, was hatte diese merkwürdige Architektur des Hauses zu bedeuten, bei der jede Etage anders gestrickt war? Was hatte dieses Haus überhaupt für eine Geschichte? Ab wann gab es Wasserleitungen und Klosetts in den Gießener Häusern? Vermutlich fing das so Mitte des 19.Jhdts. an. Ich persönlich schätze den Bauzeitpunkt des Hauses auf 1870 plus/minus 10 Jahre. Aber jetzt noch mal zu dem großen Flur: ich phantasiere mir hier eine Einweihungsfeier des Hauses, als es gerade fertig und in stolzer Pracht funkelnagelneu dastand. Es war sicher kein Bürgerhaus für betuchte Leute, aber es hatte schon einen gewissen Anspruch: Wasser- und Toiletteninstallation, große Fenster und ausreichend hohe Räume. Die Einweihungsfeier in jenem großen Flur (der ‘Belle Etage’, sozusagen), fand mit geöffneten Türen zu den anschließenden Räumen statt. Als Beleuchtung diente in jenem Flur ein Kronleuchter und diverse Wandhalter für Kerzen. Eine kleine Musikkapelle spielte bei Göbels am offenen Fenster. Und draußen auf dem großen Platz vorm Haus standen Tische und Bänke für die Bauarbeiter, Meister, Gesellen, Handwerker. Ein Freßbüffet für den Besitzer oben im ersten Stock, seine Familie und seine Freunde, gab es in den linken Räumen von Heinrichs (zur Kaplansgasse hin) und etliche Schaumweinflaschen samt Bierfaß standen in dem rechten kleinen Zimmer von Heinrichs (zur Löwengasse hin). Dann konnte die Einweihungsfeier nach einer wohlgesetzten Rede, in welcher man dem Haus ein langes Leben und eine gute Herberge für viele ordentliche & fleißige Menschen wünschte, beginnen.

 

 

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einrichs, die ja auf dem selben (großen) Flur Nachbarn von Göbels waren (Heinrichs hatten hauptsächlich die Wohnung im 1. Stock hinter dem Fenster ganz rechts), nahmen öfters an Göbels Familienfeiern teil, zu denen auch wir (meine Mutter und ich) eingeladen waren. Göbels hatten eine ausgedehnte Verwandtschaft verstreut mehr oder minder in der Innenstadt Gießens, die sich ab- und zu auch gerne mal im Teufelslustgärtchen traf. - Abgesehen von diesen gelegentlichen Begegnungen bei jenen kleinen Familienfesten, hatten wir mit Heinrichs praktisch nichts zu tun. Frau Heinrich war eine frohgemute, etwas vollschlanke große Frau, die nur leider in ihrer Brille ein paar Dioptrien zu viel hatte, die sie auch noch an ihre drei kleinen Kinder weitervererbte. Ihr hagerer, großer Mann war ziemlich verschlossen und schaute relativ höhnisch und von oben herab auf das Treiben der Teufelslustgärtchenleute. Als ehemaliger U-Boot Fahrer hatte er womöglich schon des öfteren den Teufel vom Meeresgrund des Atlantik hochlachen hören und konnte vermutlich mit diesem dekadenten Nachkriegstreiben, das sich stark an die Amis anlehnte, wenig anfangen. Ich glaube, jetzt nach dem Krieg, arbeitete er als Schlosser.

 

 

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irekt neben uns, in dem langgezogenen Schlauch einer 2-Zimmer-wohnung, die lediglich ein extra kleines Fenster auf den großen Platz raus hatte (drittes Fenster von links, ganz oben), lebte Emma mit ihrem kranken, bettlägerigen Mann. Als dieser schon quasi im Sterben lag, gesellte sich ganz ungeniert Ed zu ihr in ihre Wohnung. Und nach dem Absterben ihres Mannes hieß sie bald danach Emma Nonnenthaler, denn Nonnenthaler war der Nachname von Ed, der offiziell Eduard hieß. Meine Mutter und ich kannten ihn, der auch unter dem Namen der alte Ed  lief (er war damals über 60) schon lange vorher, da er einige Zeit ein paar Arbeiten bei der Wurstbude verrichtete und auch manchmal in unserer Wohnung war, wo er in seinem Rhein-Main-Dialekt von seiner Heimatstadt Darmstadt erzählte, wie er nachts allein draußen im Dunkeln voller Angst rumirrte, und was weiß ich, als kleiner Bub und so, ein armes Kind war. Er war klein und hager und schlecht rasiert und er hatte irgendwie einen ziemlich starren Blick und als weiteres Merkmal zwei (oder drei?) steife Finger an der rechten Hand: jedenfalls Zeigefinger und Mittelfinger, mit denen er sich gerne, natürlich vernehmbar, den flüssigen Rotz von der Nase abstreifte und anschließend an der sowieso dreckigen Arbeits-Hose abwischte. Er war ein fleißiger Eisensammler und ich sah ihn öfters ziemlich erfolgreich verschiedene, offenbar besonders trächtige, Trümmergrundstücke der Sieben Gebirge (bei der Marktstraße) systematisch durchreusen. Manche nannten ihn “Ede Langfinger”, insbesondere mein liebenswürdiger, lustiger Kumpan Heini Knittel, der selber später eine unsägliche Knastkarriere als kleptomanischer kleiner Eierdieb durchmachte, die sein ehemals schönes, fröhliches Jungen-Gesicht schließlich fürchterlich entstellte: er hatte die Knastrolle auch äußerlich intus, wie in einem Comic. - Aber ob der alte Ed tatsächlich im Hauptberuf Einbrecher oder sonstwas in der Art war, kann ich nicht beurteilen - aber ich glaub es auch nicht, selbst wenn es solcherlei Gerüchte gab.

 

Ed an der Wurstbude (links meine Mutter Agnes Aulbach, rechts Frau Hockel vom Nachbarstand mit Herdputz, Rasierklingen, Kugelschreibern usw: Die Frau vom ein- und rauhbeinigen Heinz Hockel.)

 

Wurstbudchen-11 (meine Mutter, Ed, Frau H)

mma war relativ korpulent und fröhlich. Sie kam aus der Östzöne, irgendwo aus Thüringen oder so. Sie hatte dort schon verschiedene Ehen hinter sich (Ed war, glaube ich ihre fünfte), und alle Ehemänner hatte sie überlebt, schließlich irgendwann, schon nach unserem Auszug aus dem Teufelslustgärtchen, auch noch Ed, dessen Tod sie gleichfalls unbeschadet und froher Laune überlebte. - Sie hatte damals eine üppige Tochter, die einmal, mit einem ihrer 3 unehelichen Kinder, aus der Ostzone zu Besuch bei Emma war. Das war wiederum das gefundene Fressen für den jungen Ludwig Lauer (vom 2. Stock), der nun eines Abends ziemlich angesoffen vor der Tür von Emma und Ed Nonnenthaler stand und die Herausgabe der vollbusigen, scharfen Tochter verlangte. Doch hier spielten Ed und Emma ganz die Erwachsenen, die angeblich verhindern wollten, daß die Tochter noch ein viertes uneheliches Kind bekommt. Ludwig also vor der Tür: “You better make open de door, Ed!” - und pochte dagegen. Von innen hörte man den jubelnden Aufschrei der Tochter, die nun zu diesem stürmischen Liebhaber hinausdrängen wollte. Dann Stimmengewirr, wo Ed und Emma auf die Tochter einschimpften. Dann wieder das erneute, heftigere Pochen von Ludwig an der Tür: “You better make open de door, Ed!” - Das ging so hin- und her eine halbe Stunde mit allerlei Gedrohe gegen die Tochter seitens Ed und Emma: wenn sie jetzt rausgehe, dann niemals mehr hinein, usw. Das Ganze immer erneut kommentiert von dem immer heftiger werdenden Klopfen von Ludwig an die Tür und sein unentwegtes, immer drohender werdendes: “You better make open de door, Ed!” -  Schließlich, die Tochter gab innen keine Ruhe, ein Ruck und die Tür ging auf und die Tochter war endlich mit Ludwig vereint. Dann verschwanden beide in Richtung Klo auf der Treppe nach oben und man hörte nur noch ein Rumpeln von dort und dann allmählich Stille.

 

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etzt bin ich hier oben am Ende des Außenflurs des obersten Stockwerkes, wo sich die öffentliche Wasserzapfstelle für die ganze Etage befindet. Für meine dunkelgrüne Army-Taschenlampe habe ich mir jetzt im Dezember ein paar neue Batterien besorgt und leuchte damit unter den Wasserstein, wo allerdings heut nur wenige Käfer und sonstige wieselflinke kleine Viecher wegflitzen, weil meine Mutter kürzlich mal wieder die ewig feuchten Holzdielen unterhalb der Zapfstelle mit Petroleum begoß. Die besonders einbruchsichere eiserne Panzer-Über-Falle ist auf, wo sonst immer ein dickes Vorhängeschloß dranhängt, und unsere Wohnungstür selber ist ebenfalls nicht verschlossen. Ich gehe rein und es empfängt mich in der sonnenüberstrahlten Wohnung (von der Spätnachmittagssonne durch das Löwengassenfenster) eine wohlige Wärme und ein wunderbarer Geruch nach frischem Bohnerwachs und Braten. Meine Mutter ist am Backofen zu Gange und sticht mit einer langen Stricknadel in die dort im Gänsebräter brutzelnde Gans. Dort in der Ecke steht der Bohnerbesen, mit dem die frisch gewachste Wohnung noch glänzend gebohnert werden muß, für was ich zuständig bin. Schließlich hört man in der hereinbrechenden Nacht von der nahen Johanneskirche lautes und ausgiebiges Glockenläuten: Es ist 18 Uhr, Heiliger Abend. - Wir haben sogar ein krummes Weihnachtsbäumchen in unserem kleinen Wohnzimmer, mit Silberkugeln und Silbervögelchen auf den Zweigen sitzend, und außerdem sind die Tannenzweige noch mit Lametta behängt (nicht auch noch mit Engelshaar, wie bei Göbels!). Ich soll jetzt die Kerzen anzünden, während Mutti die Langspielplatte mit den feierlichen Weihnachtsliedern in dem großen neuen Phonoschrank auflegt. Mutti bekommt von mir eine Flasche Likör und einen großen Kasten Pralinen. Und dann darf ich endlich ins Schlafzimmer gehen, wo ich ein paar Tage nicht reindurfte. Lediglich ein Mann mit Zange und Schraubenzieher verschwand dort ab und zu geheimnisvollerweise. Vor mir öffnet sich eine unglaubliche, märchenhafte Pracht: Eine große Platte mit einer elektrischen Eisenbahn, auf der sich noch kleine Brücken und Schranken befinden, kleine Bäumchen, Straßenlampen mit strahlenden Birnchen, ein Bahnhof, Weichen mit innen leuchtenden Würfeln, Prellböcke, etliche schöne von innen beleuchtete Häuser, sogar eine große leuchtende Kirche, ein bewaldeter Berg mit Tunnel, Kühe und Zäune.

Nachdem wir (nach einer Spielorgie mit der Märklin Eisenbahn), das feierliche Glockenläuten etlicher deutscher Dome aus dem Radio hörten, einiges von unserer Weihnachtsgans gegessen haben, samt Klößen und Rotkraut, (anschließend noch mal schnell rüber zur neuen Eisenbahn), jetzt auch noch ein paar Wunderkerzen abgebrannt haben, dann einige Plätzchen zum Likör - und die Kerzen vom Baum sind auch schon längst aus, geht Mutti zu Bett. Ich lege mir dann ganz zum Schluß noch meine Lieblingsplatte in dem Phonoschrank auf. Es ist das Toxi-Lied, das damals für mich als 11-12 Jähriger eines meiner ganz besonderen Lieblingslieder war.

 

 

 

The End

 

 

 

 

Gießen, 20. November 2009 (Manfred Aulbach: Man nannte ihn “Mozart”)