Ein alter Bekannter, Folkert, mit dem ich mich 2008 über das Thema Innenstadt und ihre Entwicklung nach dem Krieg unterhielt, hat mir freundlicherweise diesen Ausschnitt aus dem Vorkriegsplan der Giessener Innenstadt zukommen lassen. Folkert kennt sich hervorragend aus über die Gießener Nachkriegsbebauung. Er wäre ein diesbezügliches längeres Interview wert!
Von wann der Plan stammt, weiß ich auch nicht. Jedenfalls stammt er offenbar aus der Zeit von vor 1930. Das schlußfolgere ich aus einem Brief an mich von Jutta Weikert aus dem Jahre 2008 bzgl. der letzten ungeraden Teufelslustgärtchen-Nummer vor der Löwengasse.
Unten ist zum Vergleich noch mal mein Nachkriegsplan von ca. 1955 aufgeführt sowie ein Innenstadtplan der 60er Jahre, den mir Norbert Schmidt freundlicherweise zukommen ließ.
Nun zum Kommentar dieses Vorkriegs-Planes:
1. Man sieht hier, wenn man sich in den Plan hineinvertieft, ein Gewirr von Gassen, Gäßchen, Durchgängen, Hinterhöfen, Gärten, Schuppen, Häusern und Häuschen.
2. Man beachte, daß es nicht nur die Löwengasse, die Kaplansgasse, die Katharinengasse und das Teufelslustgärtchen gab, sondern außerdem:
a) In der Löwengasse b) Auf dem Reichensand c) In der Kaplansgasse d) In dem Katharinengäßchen e) In der Katharinengasse f) Im Teufelslustgärtchen g) Am Teufelslustgärtchen.
Das würde jetzt nachträglich für mich auch die für uns damals unverständliche Kuriosität erklären, daß wir als offizielle Adresse nicht “Teufelslustgärtchen 18” hatten, sondern “Am Teufelslustgärtchen 18”.
2. Die Gasse, die hier lediglich mit “1509” bezeichnet ist (also das, was heutzutage witzigerweise “Teufelslustgärtchen” heißt), fängt mit den Teufelslustgärtchen-Hausnummern 1 (Ecke Seltersweg) an und geht bis 5. Dann geht’s weiter links um die Ecke, wo “Teufelslustgärtchen” steht, mit den Hausnummern 7 und 9 (letztere Nummer ist Ecke Löwengasse). Es gehen aber die ungeraden Teufelslustgärtchen-Nummern nicht in der Nähe der Kaplansgasse mit 11, 13 weiter - mit ziemlicher Sicherheit gehören diese Nummern dort zur Kaplansgasse. Denn die letzte ungerade Teufelslustgärtchen-Hausnummer, die 11, ist Ecke Löwengasse - allerdings nicht hier auf diesem Plan, sondern in einer brieflichen Mitteilung.
Scheinbar unvermittelt fangen die geraden Teufelslustgärtchen-Zahlen mit der Hausnummer 18 an (dem späteren “Alten Haus von Rocky Tocky”) und gehen dann wieder linksrum, bis man 22 entdeckt und zum Schluß Ecke Löwengasse die Nummer 28. Die Nummern 2 bis 16 sind auf dem Plan nicht explizit aufgeführt. Aber die Häuser links von “Seelbachs Garten” mußten ja wohl auch entsprechende Hausnummern gehabt haben. Vielleicht 10 und 12, denn auf dem Grundstück “672” kann man bei einigem guten Willen die Zahl 14 entdecken.
3. Die Mittellinie bei Bahnhofstraße und Seltersweg symbolisiert aller Wahrscheinlichkeit nach die Streckenführung der jeweiligen Straßenbahn. Die beiden Linien trafen sich dann am Marktplatz. (Wir konnten abends um halb 11 die letzte Straßenbahn zum Bahnhof hören, wenn diese in die Kurve der Bahnhofstraße beim Schipkapaß ging und dabei ein lautes langgezogenes Quietschen, Jaulen und anschließendes Rattern von sich gab, das sich durch die dunkle Nacht fraß.)
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