Giessen um 1956

1953 zu Weihnachten schenkte mir meine Mutter eine “Baldinette” (ich war damals 12). Es war eine solide Standard-Kamera dieser Zeit (natürlich nicht vergleichbar mit einer ‘Leica’). Sie kostete etwas über 100 DM (bei Foto-Winterhoff am Kreuzplatz). - Als 12-15-jähriger, ohne Anleitung eines Erwachsenen und insbesondere ohne irgendwelche eigenen künstlerischen Ambitionen, waren meine Fotos keineswegs der Brüller. Vor allem fotografierte ich ziemlich konventionelle Motive. Deswegen habe ich leider versäumt, die wirklich interessanten Motive zu knipsen - beispielsweise das Haus im Teufelslustgärtchen, in dem wir selber wohnten. Auch das Filmmaterial hat inzwischen gelitten. -  Die unten dargestellten Fotos erheben deshalb keine besonderen Ansprüche! Sie wollen lediglich eine fremdartig gewordene vergangene Zeit reflektieren.

 

 

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Foto von Sean Teng bei Flickr Unter der Lizenz von Creative Commons 2.0 Generic (CC BY-NC-SA 2.0)

 

 

 

 

 

Gießen Löwengasse-EckeTeufelslustgärtchen (nach rechts zu geht’s zum Seltersweg, nach links geht es weiter zur Bahnhofstraße). In dem provisorischen Nachkriegs-Barackenladen im Hintergrund (auf einem plattgemachten Trümmergrundstück errichtet)  werden innerhalb von 24 Stunden Damenstrümpfe repariert. Im Vordergrund ist mein damaliger Freund Wolfgang Niebergall, mit dem ich Jiu-Jitsu einübte.

Anmerkung 2009: Wie mir Jürgen Plättner (2008) mitteilte, dessen Oma & Tante jenes Strumpflädchen betrieben, handelte es sich hier nicht um ein “plattgemachtes Trümmergrundstück”. Er schrieb: <Wo unser Laden stand, Ecke Löwengasse, war kein plattgemachtes Trümmergrundstück, sondern der Hof meiner Oma, Frau Kraft. Später wurde nur der Zaun entfernt und darauf der Laden errichtet.> Außerdem schrieb er noch ein paar weitere Einzelheiten: <Ich habe Teufelslustgärtchen Nr. 11 gewohnt. Das ist die besagte Ecke Löwengasse. Wir, also meine Oma und meine Tante, hatten diese Laufmaschenreparatur. Teilweise waren bei uns 9 Mädels beschäftigt,  mitunter wurde sogar Nachts gearbeitet. Die Laufmasche kostete damals 15 Pfennig zu reparieren. Wir hatten sehr viel zu tun. Dort wohnte ich bis 1958.> Tatsächlich, wenn man sehr genau auf den Vorkriegsplan vom Teufelslustgärtchen schaut, so sieht man Löwengasse-Ecke Teufelslustgärtchen die Nr. 10 der Löwengasse. Diese Nummer gehört  jedoch nicht in ein gestricheltes Feld, sondern (ganz zart angedeutet) eher in ein kleines freies Feld. Das also war dann offenbar der Hof der Oma. Bleibt noch die offene Frage mit der Nummer 11. Im Vorkriegsplan ist die letzte Teufelslustgärtchen-Nummer Ecke Löwengasse nicht 11, sondern 9. Dazu schrieb dann Jürgen Plättner: <... das Teufelslustgärtchen Nr. 11 kam erst später. Es war erst 9 und wurde dann zum Doppelhaus  9 und 11.>

 

Jutta Weikert, die Cousine von Jürgen Plättner, schrieb (2008): <Jedenfalls  bin ich 1946 in Giessen geboren. Mein Cousin Jürgen, der Kriegswaise und 6 Jahre älter als ich und bei uns aufgewachsen ist,  und ich sind sehr viel bei meinen Großeltern gewesen. … Meine Großeltern hießen Karl und Elisabeth Kraft. Und der von Ihnen beschriebene Barackenladen mit Bild … war das Geschäft meiner Mutter, Marianne Graf, und hieß "Die Laufmasche". Dieses Geschäft brummte nur so, denn die damaligen Seidenstrümpfe kosteten ein Vermögen und waren es natürlich wert, repariert zu werden und das schaffte man innerhalb von 24 Stunden! Den Laden hat mein Vater bauen lassen und die beiden Reklameschilder rechts und links von der Eingangstür hat er damals selbst entworfen … Das Haus meiner Großeltern lag dahinter. Es war ein Fachwerkhaus, das in der Mitte geteilt war. Der Eingang unserer Hälfte war vom Hof aus, der Eingang der anderen Hälfte vom Teufelslustgärtchen aus. Ich sehe heute noch die damalige Mieterin der anderen Hälfte im Erdgeschoß aus dem offenen Fenster mitsamt einem Spitz lehnen, natürlich nicht ohne das obligate, dicke Kissen, und alles bestens im Auge!

Schade, dass die gesamte Ecke verschwunden ist. Heute wären einige dieser Häuser, innen entsprechend saniert, ein schöner Teil des alten Giessen, von dem ja leider nicht mehr viel geblieben ist.>

Jutta Weikert hat mir aber noch was anderes Interessantes mitgeteilt. Sie schrieb: <mein Cousin, Jürgen Plättner, hat mir Ihre mail geschickt. Hier noch ein paar Ergänzungen, falls Sie die Geschichte vom Teufelslustgärtchen noch einmal aufgreifen. Meine Großeltern, Karl und Elisabeth Kraft, wohnten schon weit vor 1944 im Teufelslustgärtchen 11, das geht aus dem Testament meines Großvaters hervor, das 1944 unter eben dieser Anschrift entstanden ist. Soviel ich weiß, haben meine Großeltern diese Fachwerkhälfte Mitte 1930 gekauft. Daraus folgere ich natürlich messerscharf, daß der Vorkriegsplan vom Teufelslustgärtchen, den mir Folkert freundlicherweise zukommen ließ, wahrscheinlich aus der Zeit von vor 1930 ist!

Ich möchte hier an dieser Stelle Jutta Weikert und Jürgen Plättner ausdrücklich danken für diese interessanten Informationen, die sie mir freundlicherweise zukommen ließen!

 

 

 

Die folgende Aufnahme habe ich von unserer Wohnung im Teufelslustgärtchen 18, 3. Stock aus (nach rechts rüber) gemacht. Ich wollte den Rest meines Films verknipsen. Im Vordergrund ist ein Trümmergrundstück der Löwengasse, im Hintergrund sieht man die Hinterseiten von Häusern der Bahnhofstraße zwischen Löwengasse und Wolkengasse. Die Antennen auf den Dächern sind Rundfunkantennen.

Zur Orientierung: Unsere Wohnung war etwa in der Höhe, wo die Horten-Cafeteria mal war. In der Richtung aber eher ein Stück weiter zum Seltersweg hin. (Vgl. auch den Plan vom Teufelslustgärtchen)

 

 

 

 

 

 

 

Auch die nächste Aufnahme ist zufällig (um den Rest Film zu verknipsen) vom gleichen Fenster unserer Wohnung aus gemacht. Diesmal nach links unten. Es handelt sich um den Hinterhof eines alten Fachwerkhauses in der Löwengasse. Man sieht eine Frau, die Wäsche aus zwei Schüsseln aufhängt und ein kleines Kind, das dabeisteht. (Das Haus mag äußerlich vielleicht ziemlich heruntergekommen aussehen, was nach dem Krieg verständlich ist, aber von Innen war es sicherlich ein schönes Heim!)

 

Später zog dann übrigens der alte Mühl mit seinem Wohnwagen auf das Trümmergelände-Grundstück rechts neben jenes hier fotografierte Haus.

 

 

 

 

 

 

 

Winter am Schwanenteich - der Schwanenteich hat noch eine Eiskruste. Rechts am Rand des Schwanenteichs sieht man zwei Spaziergänger laufen.

 

 

 

 

 

 

 

Der winterliche Gleiberg. Ich weiß aber um’s Verplatzen nicht, von wo aus dieses Bild entstand. (Vielleicht an der Landstraße hinter Heuchelheim Richtung Bieber? Oder  irgendwo in der Gegend des Oberen Hardhofs?) - es dürfte jedoch für Kenner der Gegend vermutlich kein Problem sein, dies herauszufinden.

 

 

 

Tatsächlich wurde das Problem mittlerweile gelöst. Und zwar gab es am 23.08.14 eine diesbezügliche Frage von mir in dem Facebook-Forum “Du kennst GIESSEN, wenn Du früher...”.  Die Lösung ergab sich mit der Hilfe des sehr kompetenten Siegfried Träger, der aus Krofdorf-Gleiberg stammt (siehe https://www.facebook.com/groups/35390giessen/search/?query=siegfried%20tr%C3%A4ger):

·  Siegfried Träger Ja, an der Landstraße zwischen Krofdorf und Gießen, an der entlang vom Bahnviadukt bis fast zur ehemaligen Grenze zwischen "Hessen-Darmstadt" und "Preußen" sich noch eine Allee Apfelbäume befand. Einer davon ist auf dem Foto rechts zu sehen. Dort etwa, wo das Bild aufgenommen wurde, verläuft jetzt die Autobahn nach Reiskirchen, die Fläche jenseits davon ist völlig bebaut und als Industriegebiet, ausgewiesen, übrigens bestes Ackerland..

Dirk Malak ich hätte jetzt gedacht in der nähe vom Oberen Hardthof.

Manfred Aulbach @ Siegfried Träger. Interessante Erklärung! Das mit dem Viadukt unter der 'Kanone-Bahn' (Wetzlar-Lollar) ist klar, da hat ja die Krofdorfer Straße hindurch geführt. Und es gibt ein phantastisches Bild von Dir davon (von 1954!) bei Google-Maps. - Kann es sein, daß der gerade dunkle Streifen, im oberen Drittel des Fotos, der zum Apfelbaum führt, der Bahndamm von der Kanone-Bahn ist?

Siegfried Träger Richtig, Der Bahndamm verschwindet dann aber in Richtung Wetzlar in einem Einschnitt, der sogar von einer noch existierenden Brücke zwischen Gleiberg und der Hardt gequert wird.

Manfred Aulbach @ Dirk Malak - ja, das hab ich auch mal vermutet. Aber dann müßte die Perspektive mehr von oben runter statt von unten hoch sein - deshalb kamen mir Zweifel.

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1960 - Schlittenfahren im Bergwerkswald - das geht natürlich heute aus Naturschutzgründen nicht mehr!

 

 

 

 

 

 

 

Bahnfrei - Kartoffelbrei!

 

 

 

 

 

 

Die ‘Kipp’ (am Bergwerkswald) im Winter 1960. Nach rechts geht’s Richtung Klein Linden.

(Anm.: Die Kipp zog sich ca. 2 Kilometer am Bergwerkswald hin und war eine Aufschüttung von unbrauchbarem Material bei der Manganförderung hauptsächlich im 19. Jhdt., vermutlich auch noch Anfang des 20. Jhdts.)

 

 

60-01-Nr-028-Die Kipp im Winter-1a-560